Kyung-Hwa Choi-Ahoi: Halber Apfel, Zeichnung (04. 09. bis 10. 10. 2026)

Als Kind beobachtete die koreanische Künstlerin Kyung-Hwa Choi-Ahoi gerne wie ihre Mutter Äpfel schälte. Es gab sie mehr oder weniger täglich zum Nachtisch. Die Mutter schnitt die Schale in einem einzigen langen gedrehten Streifen ab, der Choi-Ahoi an Schlangen erinnerte. Sie ließ sie als Kind gerne tanzen, bis sie brachen. Gegessen wurden die Äpfel als Nachtisch, immer in sechs Schnitze zerteilt, die mit Gabel gegessen wurden, säuberlich auf einem Porzellanteller angeordnet. Äpfel wurden zum festen Bestandteil der Jugend der Künstlerin.

Sie erinnern sie besonders an ihre Mutter. Erst als Erwachsene, als sie deren Träume und unerfüllten Wünsche kannte, stand der Apfel für sie im tieferen Sinne für das, was Mythen über den Apfel erzählen: Symbol für Verführung, für Erkenntnis; Eva, der Apfel und die Vertreibung aus dem Paradies.

In der Ausstellung wird der Apfel zu einem der typischen surrealen Themen, die das Werk der Künstlerin von Anbeginn an durchziehen. Er fügt sich in ihre Kernthemen „Gärten“ und „Pflanzen“ ein, mit denen sie sich in ihren Ausstellungen „Mutterkorn“ (2014), „Ovar“ (2020) oder „Room Mate“ (2023) auseinandersetzte. Pflanzen wurden hier mit menschlichen Körperteilen wie Augen, Münder und Zähnen ausgestattet oder Körperteile zu ganzen Weltbildern verwandelt, Gestalten mit Schmetterlingsmasken wandelten oder irrten durch Wiesen und Gärten. Die Szenerien wirkten zum einen poetisch, in einer tieferen Schicht ging es wie in Träumen jedoch um die Gefahren des Lebens, um Ausharren, Bedrohung und Überleben. Immer wieder wandelte sie das Thema neu um, immer wieder zeigte sie phantastische Bezüge auf, wie zuletzt bei ihren Zimmerpflanzen in „Room Mate“, die Jahrzehnte überleben, obwohl das Gießen häufig vergessen wird.

Das Gedankengut spiegelt sich auch in dieser Ausstellung wider. Der Blick auf das Innere eines halben Apfels, lässt an menschliche Organe denken. Auf mehreren der feinen Bleistiftzeichungen zu diesem Thema mutiert der halbe Apfel schlicht zu einem Halbkreis aus der Geometrie. Das ebenso kalligraphisch aufgefasste Innere des Kerngehäuses erinnert an anatomische Zeichnungen und menschliche Organe.

Ein dünner Ast, eines „Rote James Grieve“ Baumes, einer alten Apfelsorte, die durch ihre besonders rote Farbe auffalle, rage durch das Geländer ihres Balkons, hält sie in ihrem Tagebuch fest. Und weiter: Er trug nur einen einzigen Apfel, der so groß wie die Faust eines Kleinkindes sei und schwinge im Hamburger Wind, seine Blätter bereits zerzaust. Motive wie diese durchziehen die zarten, häufig minimalistischen Zeichnungen der Künstlerin in dieser Ausstellung und fügen sich in immer wieder überraschend neuen Aspekten in ihr Gesamtwerk ein.