2020 „OVAR“ – Kyung-hwa Choi-ahoi

KYUNG-HWA CHOI-AHOI
Ovar
Zeichnung
Eröffnung Donnerstag, 17. September 2020, ab 18 Uhr

Virtuelle Eröffnungsrede Dr. Annelie Lütgens, Leiterin Grafische Sammlung, Berlinische Galerie
Ausstellungsdauer bis 31. Oktober 2020
Mit ihren surreal anmutenden, mit anatomisch präzisen Körperteilen bevölkerten Pflanzenbildern hat Kyung-hwa Choi-ahoi bereits in der Einzelausstellung „Mutterkorn“ 2014 in der Galerie und 2016 in der Einzelausstellung „Augen äpfeln, Nasen blühn“ im Heine Haus Hamburg Einblicke in ein Thema gegeben, das sie in „Ovar“ weiterführt: der Garten. Je mehr sie sich mit diesem Sujet befasste, desto größer wurde Ihr Interesse an dem, was im Garten passiert. Er ist für sie ein Ort, an dem sich die ständigen Herausforderungen des Lebens beobachten lassen, in dem Leben entsteht, in dem Gefahren lauern, in dem es ums Überleben geht. Sie sieht in ihm ein allgemeines Sinnbild des menschlichen Lebens. Mit dem Ausstellungstitel „Ovar“ (= Eierstock) rückt das weibliche Element in ihren jüngsten Arbeiten zu dem Thema in den Vordergrund. Den dargestellten Frauengestalten gibt sie erstmals Namen wie Lada, Rhea und Lelia. Alle drei sind Gestalten der griechischen und slawischen Mythologie. Lada gilt in der slawischen Mythologie als Göttin der Liebe, Schönheit und Hochzeit. Rhea, Mutter von Zeus und Poseidon, gehört in der griechischen Mythologie zum Geschlecht der Titanen und wurde mit der kleinasiatischen „Großen Mutter“ Kybele gleichgesetzt. Es sind aber eher Bedeutungsebenen, die sich aus unserem kulturellen Erbe ergeben, die Choi-ahoi mit diesen Namensgebungen mitschwingen lassen will, ohne sich auf die jeweiligen Geschichten der sagenhaften Gestalten im Einzelnen zu beziehen.
Die Zeichnung „Lelia“ betitelt sie in Klammern „Ich“. Es ist Lelia Caetani aus einem Gemälde von Balthasar Klossowski de Rola, genannt Balthus, ein bemerkenswert unerotisches Bild der 20jährigen Lelia, Tochter des Auftraggebers aus der Familie Caetani. Balthus selbst nannte das Gemälde „das Monster“. Die Künstlerin übernimmt die Nachdenklichkeit, den scharfen Blick des Gesichts und die verhärmt wirkende, keineswegs jugendliche Frauengestalt. Aus dem großstädtischen Garten an der Champs Elyssee wird bei Choi-ahoi eine verzaubert wirkende nächtliche Natur mit überdimensionierter Mondscheibe. Die Künstlerin sieht die Gestalt und damit auch sich selbst als Wächterin und Betreuerin dieser Gartenlandschaft und weist den Betrachter gleichzeitig daraufhin, dass Lelia Caetani der lüsternen Darstellungsweise von Balthus‘ üblichen Jungmädchenbildern entgangen ist.

 Die Bilder von Choi-ahoi in der Ausstellung sind voll von motivischen Anspielungen und kunsthistorischen Rückgriffen, sei es auf Bilder der Maria lactans oder etwa Botticellis Geburt der Venus, man denkt an die mittelalterlichen Paradiesgärtlein, die im christlichen Sinne Orte der Reinheit und Jungfräulichkeit waren und häufig mit kunstvollen Seidenblumen und Reliquien, also Körperteilen bestückt waren. Die Welt von Kyung-Hwa Choi-Ahoi ist komplex, in ihren Inhalten wie in ihrem Zeichen- und Malstil, der mal sperrig mal flüssig elegant ausfällt, zeigt sie sich aber immer distanziert.

 Kyung-hwa Choi-ahoi ist seit 2019 Professorin für Zeichnen an der Kunsthochschule Weißensee Berlin.