2020 „Fragile“ – Ransome Stanley

zu den Werken

Blumenblüten, die wir meinen zu kennen, die aber in Wirklichkeit von der Natur und anderen Formen inspiriert sind. Blumensträuße, die über der Vase geradezu explodieren, sich aufbäumen, Räumlichkeit in Räumen beschreiben, die nicht weiter erkennbar sind. Das ist die paradiesische Natur, die uns in den neuen Arbeiten von Ransome Stanley entgegentritt. Fleischig ausladende Blütenblätter, pudrig beladene Fruchtstände, tellerartige Blüten, die sich mit Formen darunter- und danebenliegenden Gefäßen, Krügen, Vasen und Tellern mischen. Affen tummeln sich auf einer großformatigen Leinwand um sie herum. Nur ihre unterschiedlichen pastelligen Farben lassen uns eher an Nippes denken, denn als an Tiere, als wollte der Künstler die Grenze zwischen Ereignisbild und Stillleben ausloten.

Das zeigt sich auch in jenen Bildern, in denen wie häufig in Stanleys Bildern einem Motive ein Gegenüber zugeordnet wird, das die Formen und Themen ausweitet und inhaltliche Beziehungen entwickelt. Das gilt zum Beispiel für die kontemplativen, in sich gekehrten als Halbfiguren widergegebene junge Afrikaner, die diagonal hinter den Sträußen erscheinen und um deren Körper sich von den Blüten ausgehende Fühler legen. Es trifft unsere Vorstellungen von exotischen, fernen Welten, die uns fremd und vertraut zugleich erscheinen. Werden die Männer umarmt oder attakiert?

Auf einem Bild liegt der Fokus auf einer Blüte mit kronenartig hervorkragenden, gezackten Blütenblätter, die sich über einem schirmartig aufgespannten Blumenkelch entfaltet. Das pflanzliche Gebilde schwebt über einer Hand, auf dessen Fingerspitzen sich gerade ein Insekt niederlässt, Bildvokabular niederländischer Stillleben und Hinweis auf die Vergänglichkeit des Lebens. „Fragil“ ist diese Welt und nicht gegenwärtiger könnte unsere Erfahrung sein, die der Künstler in seiner vor Monaten entwickelten Serie uns entgegenhält. Wie so häufig in seinen Bildern greift er auf historiches Bildmaterial zurück, wie zum Beispiel den Ausschnitt eines Armes mit plissiertem Hemdsärmel, der formal und inhaltlich die Blüte kommentiert. Auch ihn, der diesen Arm ins Bild streckt, gibt es schon lange nicht mehr.

„Fragile“ nennt Ransome Stanley diese neue Serie. Sie entwickelte sich aus seinem zunehmenden Gefühl der Bedrohtheit der Natur. In der Zeit, in der er die Serie malte, sah er sie eher durch die Menschheit bedroht. In geradezu unheimlicher Weise sprechen die Bilder in der derzeitigen Situation aber umgekehrt über die Fragilität des Menschen und unserer Gesellschaft und die Macht der Natur.