2017 “Kanzlerbungalow” – Dirk Brömmel

KB, Nr. 1, 1964_2016, ©Bundesregierung, Fotograf Georg Munker, Mixed Media_Aludibond, 106 x 106 cm, 110 x 110 cm, Ed. 4

KANZLERBUNGALOW

Fotografische Arbeiten von DIRK BRÖMMEL

Ausstellungseröffnung: Donnerstag, 18. Mai 2017, 18 bis 20 Uhr

Dauer der Ausstellung bis 30. Juni 2017

Künstlergespräch: Sonntag, 11. Juni 2017, 15 Uhr mit Dr. Matthias Schatz (Journalist / Kunsthistoriker)

 

https://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article164790282/Vierdimensionale-Bilder-vom-Kanzlerbungalow.html

http://www.ardmediathek.de/tv/Hamburg-Journal/Kulturtipp-Der-Kanzler-Bungalow/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=25231214&documentId=43051410

https://vimeo.com/223474946 [Gespräch in der Galerie mit Matthias Schatz und Dirk Brömmel]

 

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Der Kanzlerbungalow in Bonn 1963/64 im Auftrag von Ludwig Erhard von Sep Ruf errichtet, gilt heute als ein bedeutendes Werk deutscher Nachkriegsarchitektur. Um als Wohnort und Repräsentationsräume des Bundeskanzlers Weltoffenheit und moderne Gesinnung zu signalisieren, knüpfte der Entwurf an die klassische Moderne an. Über einer Skelettstahlkonstruktion schwebt quasi ein Flachdach, das mit weit überstehenden Dachüberständen zwei quadratische, gegeneinander versetzte Wohneinheiten mit je einem Atrium bedeckt. Große Fensterflächen, Schiebewände und versenkbare Wände verschränken Privatheit und öffentliche Aufgabe und machen zudem Durchblicke in den umliegenden Park des ehemaligen Bundeskanzleramtes, dem Palais Schaumburg, möglich.

In seinem neuesten Projekt befasst sich der mehrfach ausgezeichnete Wiesbadener Künstler Dirk Brömmel mit dem Gebäude. Als ausgebildeter Fotograf, der Kommunikationsdesign und im Anschluss ein Studium der Freien Kunst an der Gutenberg Universität in Mainz absolviert hat, richtet sich sein Blick auf die Architektur, ihre historische Nutzung und Wahrnehmung im Wandel der Zeiten. In der Serie setzt er sich mit Räumen, mit Baugliederungen, Ausstattungsdetails und auch der Gesamtansicht von Aussen auseinander und bringt es mit dem Leben überein, das sich hier abspielte.

Brömmel greift auf Pressefotografien unter anderem aus dem Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung, dem Bundesarchiv und dem Bundespresseamt zurück. Sie sind anlässlich von öffentlichen und privaten Empfängen, Arbeitsessen und Gesprächsterminen im Kanzlerbungalow entstanden. Für die Auswahl und Verarbeitung des immensen Fotomaterials spielen die Erfahrungen des Künstlers mit seinen älteren Serien eine Rolle. So zum Beispiel das Thema Zeit und eine verschwindende Form in seiner Werkreihe „Antennen“, die er überall in der Welt fotografierte. Ebenso führte er in seiner „Kopfüber“ Serie aneinandergereihte, zu einem Ganzen zusammengesetzte Teilfotografien von Schiffsladungen und –decks, die er freisetzte und durch farbige Hintergründe weiter verfremdete, dem Betrachter nicht ein erzählendes, sondern ein ikonenhaftes Bild vor Augen, dass wie eine zeitlose Metapher zum Thema Schiff wirkt. Hinzukommt das Verfahren aus der Serie der „Villa Tugendhat“, in der er in einem Sandwichverfahren Fotografien aus dem Privatarchiv der Familie Tugendhat in eigenen Aufnahmen der Villa schemenhaft aufleuchten lässt und so diesem politisch und architektonisch bedeutsamen Bau von Mies van der Rohe die private Geschichte der Familie zurückgibt.

In der Bungalow Werkreihe sind diese Serien präsent, sie erzielt dennoch eine neue Wirkung. Die überblendeten Bilder aus Gegenwart und Vergangenheit sind in immer neuen Kompositionen übereinandergeschichtet. Diese erweitern und ergänzen die Ansichten ebenso, wie die Einfärbungen der Pressefotografien. Vor weißen Passepartouts entwickeln die gerahmten Bilder zudem eine besondere Leuchtkraft, die das anrührend Private der Villa Tugendhat Bilder verlieren. In KB Nr. 1 zum Beispiel verstärkt der weite Blick in das leere Wohnzimmer der Aufnahme von Dirk Brömmel die in das Bild montierte und links aus dem Rand laufende Detailaufnahme eines Zwiegesprächs zwischen Konrad Adenauer und Ludwig Erhard. Ihre Gestik und markanten Gesichtern vor vertäfelter Wand wirken im Gegenüber mit den Fältelungen der Vorhänge, der statischen Anordnung der Lampen und Sitzgarnitur mit ihren geraden Linien hieratisch, überhöhen das Gesamtbild und geben ihm Denkmalcharakter. Eine ähnliche Wirkung erzielt die Überlagerung und Einfärbung der Bilder in KB Nr. 6 , auf dem Ludwig Erhard an seinem Schreibtisch schemenhaft auftaucht. Während Ludwig Erhard äußerte, dass das Haus so in der Ausstattung, Anordnung gebaut sei, wie es dem Wesen seiner Frau und ihm gemäß sei, urteilte Konrad Adenauer: „Ich weiß nicht welcher Architekt den Bungalow gebaut hat, aber der verdient zehn Jahre.“ Als Ludwig Erhard dort 1964 einzog titelte die „Bild“-Zeitung: „Er wohnt wie ein Maulwurf“.  Helmut Kohl hielt ihn „im Sinne einer Wohnung eines Bundeskanzlers“ für ein „absurdes Bauwerk“. Auch Kiesinger lästerte, der neue Kanzlerbungalow sei wie ein Schlafwagen, in der Mitte ein Gang, rechts und links Zellen, „die Leute sagen, er hat zwei Millionen gekostet, ich muss rein.“ Dirk Brömmel geht auf Spurensuche und entwickelt in der in der Galerie zum ersten Mal ausgestellten Serie eine aktuelle Sichtweise auf die historische Bedeutung des Gebäudes.

The Chancellor bungalow in Bonn, official residence of the German Chancellor until 1999,  was built by Sep Ruf at the behest of Ludwig Erhard in 1963/1964.  Drawing on classical modernism, it’s design meant to signify a cosmopolitan and modern sensibility. In his newest series of photographs, the Wiesbaden photographer, Dirk Brömmel, considers the architectural (architectonic?) conception of this building. He employs the photographs of private and representative events stored e.g. the Federal Archives and the Federal Press Office.  Brömmel shows how the cosmopolitan and the modern emerge at the intersection of private and  representative spaces.  Just as in his series „Villa Tugendhat“, the object in „The Chancellor Bungalow“ is to make history visible.  The artist uses a sandwich-montage method to incorporate images of the past in his own works.  But in contrast to the older series, the imagery of the past takes on more than a just schematic appearance; in the new series it is superimposed upon both contemporary and other past images in ever changing compositions, ones in which the historical photographs are colored and hover before a white mount to gain their own luminosity.  The photographic works of Dirk Brömmel, shown here for the first time, offer a current and novel view to the historical import of the building.