2012 “Jagdgründe” – Cony Theis

Jagdgründe
Cony Theis
Vernissage: Donnerstag, 25. Okt. 2012 19-21 Uhr
Ausstellungsdauer: 26.10. bis 24.11.2012

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In zahlreichen Ausstellungen, unter anderem „Häute Porträts“, „Zeit richten“, „Kunstwerk Archiv“ und „See me“, zuletzt in der Galerie „Strandleben“, befasste sich die Kölner Künstlerin Cony Theis mit einem konzeptionellen Ansatz zur „Identität“ des Menschen.

In „Jagdgründe“ widmete sich Cony Theis nun erstmals dem Thema Jagd. Es ist eines der ältesten Themen der Menschheit – und im Übrigen der Kunst -, das das urtümliche Verhältnis des Menschen zum Tier und der Natur zum Ausdruck bringt und damit eine Facette der menschlichen Identität insgesamt berührt. Jagen und gejagt werden bedeutet Tod, Krieg, Überleben, Erotik, Liebe. Tiere jagen, Menschen jagen, Jagd nach Glück: wie auch in ihren anderen Werkkomplexen nähert sich Cony Theis dem Thema in verschiedenen Kontexten. Dabei erscheinen neu und ungewöhnlich für die Künstlerin die 333 cm langen „Revier“- Bilder. Sie erinnern an Storyboards, also gezeichnete Bildszenen, in denen skizzenhaft eine Geschichte entwickelt wird. Tatsächlich geht es aber nicht um eine schlüssige Handlung. Emblemartig beginnt Revier 7-1 mit der Darstellung eines springenden Hirschs mit stolzem Geweih, daneben sind einige Geweihe zu sehen, die an Wänden zu hängen scheinen. Das Ganze geht über in eine Nachtszene, in der ein Tier verschwindet. Neben einem Baum leuchtet ein praller Sack auf und ein Mann mit rotem Stirnband; ein Jäger mit nacktem Oberkörper geht durchs hohe Gras; daneben posiert ein flottes Mädel im Dirndl mit kessem Hut; der pralle Sack ist bei näherem Hinsehen ein Wildschwein, der Mann mit dem roten Stirnband Robert de Niro in dem Film „The Deer Hunter“ und der Jäger mit dem nackten Oberkörper ist Wladimir Putin. Der Streifen endet mit einem Close up auf zwei Hände, die einen Jagdhund niederhalten. Wie Schwaden ziehen diese Bilder an dem Betrachter vorbei, mit chinesischer Tusche auf Papier gemalt. Das Jagdleben als eine Aneinanderreihung  aufgeblendeter Bildsequenzen aus den Medien und dem Internet, die mit Codes „jonglieren“, sowohl in Hinsicht auf Kleidung, auf Embleme und auf signifikante Szenen, voller Energie, spannungsgeladen und dann wieder meditativ, eigene Interpretationen evozierend.
Eine der Folgen der unmäßigen Jagd: vom Aussterben bedrohte Tiere. Cony Theis porträtiert sie. So entstand „Carl Gustav“ der Berggorilla und das Brustporträt eines Schimpansen, über dem „Beretta“ steht. Spätestens bei dem Blatt mit dem Titel „Winchester“, auf dem das Brustbild eines Koalabären erscheint, fängt der Betrachter an zu vermuten, dass es bei all diesen Begriffen nicht um Tier-, sondern Waffennamen geht. Handelt es sich um Waffen, mit denen diese Tiere bedroht wurden? Die Physiognomie der Tiere wirkt als wären sie zum Casting geladen. Dieser der Künstlerin eigene Humor spitzt sich weiter in der Serie „Legenden“ zu: kopulierende Tiger, kopulierende Schildkröten etc. , ein Aufruf an die Tierwelt der bedrohten Arten? Der ungezwungene Umgang mit brisanten Themen wie das Wort-Bild-Spiel auf den Blättern sind zweifelsohne dem  Presseauftrag der Künstlerin als Gerichtszeichnerin geschuldet, eine Tätigkeit, die sie seit vielen Jahren ausübt und die ihre Beobachtungsgabe und ihren Stil wesentlich beeinflusst und geschärft hat. Vor allem neben der „Wanted“-Serie, der die wahre Begebenheit des verschwundenen schönen Försters Ingo zugrunde liegt, wird deutlich, dass auch die Tierbilder eigentlich Fahndungsbilder sein könnten.

Aus demselben Kontext werden die Zeichnungen mit den eigenartigen Kinderköpfen verständlich.  Sie erzählen vom zwiespältigen Umgang mit Waffen schon in der Kindheit. “Hansi“  trägt eine Mütze, aus der ein kleiner Rehkopf ragt, und einen Pullover, der mit Bärchen bedruckt ist. Mit offensichtlich verzücktem Blick spielt Hansi mit einer Pistole an seinem eigenen Kinn. Dagegen ist  „Schöner neuer Pullover“ offensiv düster: ein Kind im Sweatshirt, das mit Waffen bedruckt ist und gleichzeitig eine Zielscheibe auf die Stirn aufgemalt bekommen hat, erinnert  in seinem erwachsenen Gesichtsausdruck eher an Kindersoldaten. Auf einem anderen Blatt mit Kinderkopf entspringt ein Tiger dem Hirn.
In eine andere Richtung gehen die Arbeiten mit kunsthistorischen Referenzen zu den berühmten Hasen von Dürer, Polke und Herold. In dem doppelten Zitat von Theis sind es nicht Gummibänder oder etwa Kaviar, sondern Hasenköttel, die den Dürerschen Hasen nachbilden und so einerseits eine eigene Ästhetik des Bildes bedingen und andererseits das Thema Identität als Materialidentität nutzen.  Der Hochstand in der Mitte der Ausstellung lenkt dabei den Blick immer wieder darauf, wo der Betrachter der Ausstellung sich befindet. Nämlich  mitten in einer Jagd. Nicht ohne dem der Künstlerin eigenen, manchmal sarkastischen Humor gelingt eine Annäherung an vielfach besetztes Thema.

Cony Theis (geb. 1958) lebt und arbeitet in Köln. Studium an den Akademien in Mainz und Düsseldorf. Zahlreiche Stipendien, darunter das Lincoln-Stipendium des Landes Rheinland-Pfalz, Stipendium in Schloss Balmoral, Bad Ems, zuletzt 2011 in Schloss Wiepersdorf, Brandenburg. Unter zahlreichen Einzelausstellungen und Gruppenausstellungen zuletzt die Wanderausstellung „SEE ME“ in der Kunsthalle Erfurt (2011) (2009 im Landesmuseum Bonn; 2008 im Ludwig-Museum Koblenz), „Mut und Anmut“ mit Petra Straß in Schloss Agathenburg (2011), „km 500.5“, Kunsthalle Mainz (2012).

 

In numerous exhibitions, among these Häute Porträts (Skin Portraits), Zeit richten (Adjusting Time), Kunstwerk Archiv (Artwork Archive), SEE ME, and, most recently, Strandleben (Beach Life), the Cologne artist Cony Theis has dedicated herself to the theme of human identity, which lies at the center of her conceptual work.

In Jagdgründe / Hunting Grounds, Cony Theis is addressing the subject of hunting for the first time. As one of the oldest topics in the history of humanity—and thus also in the realm of art— it expresses the primeval relationship of man to animals and nature, thus touching upon a vital facet of human identity per se. The notions of hunting and being pursued evoke a whole range of related issues: death, war, survival, eroticism, and love. The pursuit of prey both by animals and human beings, the pursuit of happiness: as already in earlier work complexes, Cony Theis approaches the topic from various angles and contexts. In this connection, the works in her series Revier (Home Range) extending across an expanse of 333 centimeters appear to introduce a new and remarkable aspect to her production. They are reminiscent of storyboards, sketched film scenes, in which a storyline is developed in broad strokes. Indeed, however, there is no coherent plot.

Revier 7-1 begins with the depiction of a leaping stag with magnificent antlers, followed by renditions of individual pairs of antlers, which seem to be hanging on walls. These merge into a nocturnal scene where a disappearing animal is to be seen. Next to a tree, a bulging sack and a man wearing a red headband are shining forth; a bare-chested hunter is walking though tall grass; posing at his side, a pretty girl in a dirndl with a perky hat is situated. At closer examination, the bulging sack turns out to be a wild boar; the man with the red bandeau reveals himself to be Robert de Niro in the film The Deer Hunter, and the bare-chested hunter proves to be Vladimir Putin. The sequence ends with a close-up of two hands, which are holding down a hunting dog. Rendered on paper in Chinese ink, these images drift past the viewer like clouds in the wind. Hunting life is represented as a cross-faded juxtaposition of images from the media and the Internet that juggle with codes concerning clothing, emblems, and significant scenarios, full of energy and charged with tension, then again conveying a meditative atmosphere and evoking the viewers to develop their own interpretations.

One of the consequences of excessive hunting is the fact that animals are threatened with extinction. Cony Theis portrays these animals, such as the mountain gorilla “Carl Gustav” and the bust portrait of a chimpanzee accompanied by the word “Beretta”. At the latest, when confronted with the work entitled “Winchester” that depicts the breast portrait of a koala bear, the viewer’s suspicions are aroused. One begins to suspect that these are not names of animals, but rather of hunting rifles. Are these the weapons with which the animals are being threatened? Just going by their physiognomies, the animals appear as if they had been invited to a casting. The artist’s particular, unique sense of humor becomes even keener in the series Legenden / Legends, featuring copulating tigers, turtles, and other animals engaged in sexual acts. An appeal to the endangered species of the animal world? The casual approach to volatile issues, as practiced in the word-image-game in the series outlined above, is unquestionably linked to Cony Theis’s journalistic engagement as a court sketch artist, an occupation that she has been pursuing for many years and that has decisively influenced and honed her powers of observation and her style as an artist. Particularly when seen in context with the Wanted series, which is based upon the true incident of handsome forest ranger Ingo’s disappearance, it becomes apparent that the animal depictions might in fact be akin to police mug shots.

The peculiar drawings of children’s headsm addressing the problematic use of weapons by children, also become more easily legible in this context. Hansi is wearing a cap from which a small deer’s head is jutting out and a pullover that is printed with a bear pattern. With an obviously ecstatic gaze, Hansi is toying around with a pistol in the vicinity of his own chin. By contrast, the work Schöner neuer Pullover (Nice New Pullover) is ostentatiously somber: here, we see a child wearing a sweatshirt printed with guns and featuring a circular target painted upon its forehead. The grown-up demeanor evokes references to child soldiers. In another work depicting the head of a child, a tiger is leaping out of the subject’s brain.
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The artist’s works, which feature art-historical references to the famous rabbits by Dürer, Polke, and Herold, point in a different direction. In her double quotation, Theis indeed does not reconstruct the Dürer hare with rubber bands or caviar but rather with rabbit droppings, thus creating a unique pictorial aesthetic of her own and, on the other hand, addressing the issue of identity on a material-based level. The high seat in the center of the exhibition finally alerts the viewers to the fact that they themselves are caught in the midst of a hunting scene. Using irony and humor, the artist succeeds in approaching this many-faceted field of action in new, intriguing ways.

Cony Theis (b. 1958) lives and works in Cologne. She studied at the art academies of Mainz and Düsseldorf. Among various other stipends, she has been granted the Lincoln Stipend of the Federal State Rheinland-Pfalz as well as stipends at Schloss Balmoral, Bad Ems, and Schloss Wiepersdorf, Brandenburg. Numerous solo and group exhibitions, among these most recently the traveling exhibiton SEE ME at Kunsthalle Erfurt (2011) (2009 at the Landesmuseum Bonn; 2008 at the Ludwig-Museum Koblenz), Mut und Anmut with Petra Straß at Schloss Agathenburg (2011), and km 500.5, Kunsthalle Mainz (2012).